Es gibt Pferde, die gibt’s nur einmal im Leben. Für Thomas Hierl ist Fan d’Arifant so eines. Vor fünf Jahren kam der gebürtige Franzose nach Deutschland und hat seither in seiner neuen Heimat ganze 33 Rennen gewonnen. Er ist somit der siegreichste Franzose in Deutschland. Nun ist „Fan“ elf Jahre alt und geht in den wohlverdienten Ruhestand. Am Donnerstag wird er beim Renntag in Straubing mit viel Respekt und Anerkennung in den Ruhestand verabschiedet. Vorher hat sich Rennbahn-Reporterin Melanie Bäumel-Schachtner mit der Pferdesprache vertraut gemacht und ein Gespräch mit dem treuen Kämpfer geführt.

Oui. Das ist richtig. Ich bin jetzt ein gestandener Bursche von elf Jahren und habe satte 141.927 Euro verdient. Da darf man schon auch mal ein wenig langsamer machen, oder?
Ich bin so etwas wie ein Blind Date aus dem Internet. Sowas kommt ja in unserer modernen Zeit häufiger vor. Mein Besitzer Thomas Hierl hat mich zwar nicht auf Tinder oder Parship entdeckt, sondern bei Le Trot, aber Liebe auf den ersten Blick war’s dennoch. Ich bin regelmäßig in Verkaufsrennen gestartet, und da ist er auf mich aufmerksam geworden. Bei aller pferdischen Bescheidenheit – ich war schon immer ein toller Typ und habe auch stets mein Bestes gegeben. Das hat dem Thomas Hierl gefallen. Er hat bei meinem damaligen Trainer Sylvain Roger anfragen lassen, ob ich denn zu haben sei. Und auch wenn ich es gar nicht glauben kann, dass jemand freiwillig auf mich verzichten will: Ich stand zum Verkauf, und so hat mein früherer Besitzer Sascha Scholl zugeschlagen. Im März 2021 bin ich noch in Paris gestartet, im April 2021 bin ich dann abgeholt worden. Ja, und seither residiere ich bei Trainer Manfred Schub in Straubing.
Ja freilich, das ist ja ein Profi, der ein Pferd einschätzen kann. Er hat mich zum ersten Mal schnellgefahren, und da hat er schon gemerkt, dass ich was kann. Ich bin dann in Daglfing gestartet, und da habe ich noch nicht gewonnen. Da haben meine Eisen noch nicht ganz gepasst und ich bin an meinem Knieband hängen geblieben. Ich bin da deshalb kurz galoppiert und habe ein wenig Boden verloren. Sorry Leute – ich bin auch nur ein Pferd und zeige ganz genau, wenn mal was nicht passt. Aber hey – ich hab’s alles wieder gut gemacht. Ich habe andere Eisen bekommen, und meine nächsten Starts habe ich gewonnen. Und dann habe ich bei 80 Starts 33 Siege eingefahren. Das soll mir mal einer nachmachen. Ich bin nämlich beileibe nicht nur in den einfachen Franzosenrennen gelaufen, denn aufgrund meiner wachsenden Gewinnsumme habe ich mich auch in ganz schöne Schlachten mit deutschen und österreichischen Cracks gewagt.
In Wien fand ich das Rennen laufen immer „leiwand“ [Anm. d. Red.: leiwand = österreichisch umgangssprachlich für großartig, cool, klasse]. Ich habe mir in Frei für Alle-Rennen die Ehre gegeben und so tolle Jahrgangspferde wie Shining Star oder auch so einen Internationalen wie Cash Back Pellini besiegt. Und zwar nicht bloß einmal. Da bin ich schon ein wenig stolz drauf.
Oh ja, das könnt ihr mir glauben. Ich habe ganz schöne Kilometer zurückgelegt. Ich war in Straubing und in Daglfing, in Pfarrkirchen und in Wien, in Ebreichsdorf und in Berlin. Außerdem war ich noch zweimal in Frankreich, und zwar in Straßburg und in Paris. In Straßburg hab ich gezeigt, dass ich es rechtsherum einfach nicht so mag wie linksherum. Trotzdem bin ich Fünfter geworden, und mein Team hatte großen Spaß. Und in Vincennes bin ich aus dem Band gesprungen. Mal ganz ehrlich – so ganz war der Bänderstart nie mein Ding, obwohl ich mich immer sehr am Riemen gerissen habe. Mein Besitzer Thomas Hierl war aber trotzdem superglücklich, zum ersten Mal in seiner Laufbahn einen Starter in Paris zu haben. Er stand da ganz stolz auf der Treppe der Besitzer und hat sich gefreut. Allein deshalb bin ich schon gerne zurück in meine französische Heimat gereist.
Oui – naturellement. Eh klar. Sie lieben mich. Ich war nicht nur immer das Aushängeschild, sondern bin neben Labrador Leo auch das Maskottchen und der erklärte Liebling des Stalles. Weil eigentlich verhalte ich mich auch wie der Hund. Wenn ich zurück in meine Box darf, dann braucht man für mich keinen Führzügel. Ich gehe „bei Fuß“ neben meinen Pflegern her und von selber heim. Ich bin halt gut erzogen. Nur Pfote geben kann ich nicht. Außerdem bin ich voll charmant, denn ich bin ja auch ein Franzose. Wenn mein Besitzer nach der Arbeit schlecht drauf ist, dann muss er mich nur einmal anschauen, dann geht’s ihm gleich viel besser. Und ich bin auch ein wenig stolz darauf, dass ich der Liebling meines Trainers Manfred Schub bin. Den hab ich ganz schön um meinen Huf gewickelt.
Voll und ganz. Von Manfred Schub bekomme ich jeden Tag höchstpersönlich eine Banane kredenzt. Ein Tag ohne Banane – das geht gar nicht. Ich lieb die Dinger einfach. Und ich habe sie mir verdient.
Oh ja. Im Training fahre ich am liebsten die Feldwege über Land mit meinem Trainer. Das macht mir große Freude. Und auf der Rennbahn habe ich immer gleich gewusst, dass jetzt kurz Arbeit angesagt war, hab mich konzentriert und immer mein Bestes gegeben. Gestresst hat mich das aber gar nicht. Nach dem Rennen war ich sofort voll relaxt. Wenn ich gewonnen habe, dann habe ich immer meinen Kopf den Zuschauern hingestreckt und mich im Winnercircle kraulen lassen. Nach so einem Sieg habe ich mir doch ein paar Streicheleinheiten verdient, oder?
Ich mache gerne Werbung für meine Kollegen, denn denen würde es in Deutschland sicherlich auch so gut gefallen wie mir. Aber mal ernsthaft: Wir Franzosen sind schon tolle Pferde. Wir sind viel besser als früher unser Ruf war. Wir waren manchmal als schwierig und hitzig verrufen. Aber wenn wir bei einem guten Trainer stationiert sind, dann sind wir die bravsten Pferde, die man sich vorstellen kann. Ich bin das beste Beispiel – und mein Kumpel Canyon Castelets auch, den ich jetzt dann nach meiner Rente wiedersehe. Wir sind nicht nur brav, wir geben alles. Und auch, wenn wir mit ein wenig mehr Gewinnsumme nach Deutschland kommen, dann sind wir dennoch gut genug, um Zulage leisten zu können und dennoch zu gewinnen. Hey – mit meinen 33 Siegen habe ich euch das doch gezeigt, oder?
Ich bleibe noch bis 1. Februar im Stall Schub. Dann ziehe ich in die Nähe von München, wo schon Kumpels wie Eclat de Beylev und Canyon Castelets wohnen. Da werde ich dann betüdelt und weiterhin liebgehabt, und ich darf reiten gehen. Unterm Sattel fühle ich mich nämlich auch wohl. Ich bin doch ein echter Allrounder.
Ja, ich sag meinen Fans in Straubing noch auf zwei Sprachen Lebewohl: Ich sag nicht nur Adieu, sondern ich sag auch Servus. Schließlich habe ich mittlerweile sehr gut Bairisch gelernt.
Najaaaaa – geht so. Eigentlich heiße ich „Faannnn d’Arifoh“. Manche Bahnsprecher haben „Foh d’Ariifoh“ zu mir gesagt. Das ist nicht ganz richtig. Ein Kommentator hat auch immer „Fandiarifant“ zu mir gesagt. Aber was soll’s. Wir Franzosen sind ein sehr tolerantes Volk, und in Bayern habe ich den Spruch gelernt: Leben und leben lassen. Mia san mia, sozusagen. Gewonnen hab ich trotzdem, egal, wie man mich ausgesprochen hat. Und ich hab’s nie bereut, dass ich hierhergezogen bin. Dass ich mich hier pudelwohl fühle, hab ich euch jahrelang gezeigt. Und jetzt geh ich in Rente. Ich bin sicher, nicht nur im Stall werden die Leute noch lange von mir reden. Ich war schon einer – vergesst mich nicht!